Tears in heaven

Niemand beachtet dich. Als wĂ€rst du nicht da. Alleine. TrĂ€nen fliesen. TrĂ€nen. Das Leben lĂ€uft um dich herum. Menschen sehen durch dich hindurch. Nehmen keine Notiz von dir. Bis auf kurze Momente. Die Momente in denen du nur zu gerne unsichtbar wĂ€rst. Du bist traurig. Ängstlich. Verstehst nicht warum man dich ignoriert. Aber du wirst es verstehen lernen. Sie werden es dir beibringen. Wenn sie dich sehen dann lachen sie ĂŒber dich. Germanys next Top Moppel. Die Dumpfbacke aus der Mittelschule. Die no name tussy. Sie reden dann ĂŒber dich. Einen Moment Wichtigkeit. Begutachten dich und lachen. Gibt es dich auch in schön. In schön. In schön hallt es durch deinen Kopf. TrĂ€nen rinnen, in deinem Inneren. Ganz tief in dir.

Du lebst in deinem Zimmer. Immer. Du gehst nicht raus und du brauchst Liebe. Aber deine Eltern sind nicht Zuhause. Wenn sie dich sehen betrachten sie dich. Betrachten deinen Körper und schĂŒtteln den Kopf. Sollen wir den KĂŒhlschrank abschließen MĂ€dchen? Top Moppel, da ist es wieder. Du bist nicht wie die anderen. Du bist anders. Wieder zieht es dich zum KĂŒhlschrank. Wahllos langst du hin. Jeder Biss ist ein StĂŒck Liebe. Jeder Biss ein StĂŒck WĂ€rme. TrĂ€nen rinnen ĂŒber deine Wangen und es ist keiner da, der es sehen wĂŒrde.

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Aber deine Liebe gĂ€rt in deinem Magen. Sie schmeckt nach Verachtung. Nach auslachen, dank deiner UnfĂ€higkeit schön, dĂŒnn und begehrenswert zu sein. Noch eine handvoll Chips. Noch eine, noch eine, noch eine. Dann gibt es kein halten mehr. Alles muss raus, die ganze Liebe muss raus. Sie gehört nicht zu dir. TrĂ€nen laufen in BĂ€chen aber du fĂŒhlst dich einen Moment richtig gut. Du gehst in dein Zimmer und seit langer Zeit betrachtest du dich wiedereinmal im Spiegel. Sie haben recht. Sie alle haben so recht. Liebe ist etwas das man sich verdienen muss. Niemand kann geliebt werden, wenn man so ist, wie du. Du betrachtest dich wieder

Du siehst nichts schönes, nichts liebenswertes. Du siehst deine Makel, wie Tattoos auf deiner unreinen Haut. Die bekommst du jeden Tag von allen geschenkt. Sie kleben auf deiner Haut und plötzlich fragst du nicht mehr, wer du bist? Du fragst wer du sein möchtest? Vorbilder gibt es genug. Du musst nur werden wie sie. Allein der Gedanke daran treibt dich wieder zur ChipstĂŒte. Aber diesmal bist du gerĂŒstet, du weist was nach der ChipstĂŒte kommt. Ab nun gilt ein neues Zeitalter. Jedes Essen wird zum Fest nach dem Toilettengang.

Du hörst sie eines Tages sagen, ist die dĂŒnner geworden? Du hörst es und gehst vor lauter Freude auf die TOILETTE. Darin siehst du deine Liebe verschwinden. Das macht dich glĂŒcklich. Das macht dein Gehirn glĂŒcklich. Alles wird darin verschlungen. So lange bis es auch du darin verschwinden wirst. Keine TrĂ€nen mehr. Du hast zu dir gefunden. Wenn nur diese Tattoos auf deiner Haut nicht wĂ€ren. So lange sie noch existieren, so lange bist du nicht perfekt. Sie reden auf einmal mit dir. Du bist jetzt eine von ihnen. So

schlank, so sexy. Du lachst jetzt die Jungs an und sie lachen zurĂŒck. Sofort steht die Toilette bereit. Du hast es geschafft man sieht dich. Und wie man dich sieht. Das muss in der Toilette gefeiert werden. Auch deine Eltern sind voll des Lobes. Was du doch fĂŒr ein tolles MĂ€dchen bist. So hĂŒbsch, so schlank und so willensstark. Das spornt an. Auch wenn dir immer öfter schwindlig wird. Du dich kraftlos, antriebslos fĂŒhlst. Aber das ist halt der Preis, wenn man dazu gehören will.

Doch plötzlich wird alles anders. Sie alle schauen dich wieder seltsam an. Und dir kommen sofort deine Tattoos in den Sinn. Du blickst in den Spiegel und da sind sie wieder. Kein Wunder. Ganz deutlich ist sie es wieder zusehen, da du nicht acht gegeben hast. Sie haben wieder zugenommen, die Tattoos. Du hast nachgelassen. Sofort wird der Toilettengang erhöht. Aber jetzt kommen sie dir mit, du musst mehr essen. Du bist zu dĂŒnn. Also futterst du noch mehr. was auch folgerichtig ist, da der Toilettengang eh erhöht werden muss.

Nach all der Zeit, scheint ihnen mein Toilettengang, plötzlich ein Dorn im Auge. Sie verbieten dir nach dem Essen dorthin zu gehen. Dadurch werden deine Tattoos immer grĂ¶ĂŸer. Die einzige Möglichkeit, das zu umgehen, ist weniger zu essen. So bleibt dein Teller zunehmend von Essen verschont. Aber die TrĂ€nen sind zurĂŒck. Auch benutze du nicht mehr die Toilette Zuhause. Der MĂŒlleimer hinter dem Haus, ist jetzt dein bester Freund. StĂ€ndig beobachten sie dich. Sagen du sollst mehr essen. Aber essen ist wie Gulliwasser und darin die FĂ€kalien. Das kann man nicht in sich lassen. Auch du behĂ€ltst Scheiße nicht in dir, wenn du gezwungen wirst sie zu essen. Warum versteht ihr das nicht?

Zwinge mich zu essen, ich werde kotzen. Du bist wieder isoliert. In der Schule lachen sie oder sagen solche Sachen wie, das Skelett muss zweimal in den Raum kommen um einmal da zu sein. Dann stehst du wieder in deinem Zimmer und blickst in den Spiegel. Zentimeter um Zentimeter entferne du die Tattoos. Aber wenn sie an einer Stelle verschwunden, tauchen sie an anderer wieder auf. So muss du dich stĂ€ndig mehr bemĂŒhen. weniger essen, mehr kotzen. Aber da kommt nichts mehr. Du fĂŒhlst dich auch zu mĂŒde um mehr kotzen zu können.

Alle schimpfen oder lachen. Seht ihr denn nicht, wie sehr ich mich bemĂŒhe euch zu entsprechen? Ich gebe alles und doch ist es nicht gut genug fĂŒr euch. Ich bin nie gut genug. Und wieder siehst du deine Tattoos. Dazu brauchst du keinen Spiegel mehr. Ihr alle seit meine Spiegel, in denen ich mich jeden Tag sehen kann. Deine Droge Toilette hat versagt. Du weißt dir keinen Rat mehr, außer alles Essen zu verweigern. Das muss helfen. Das wird die Spiegel befriedigen. Das Gehirn ist schon lange sĂŒchtig nach Essens verweigerung. Seine Droge. Seine ganz persönliche Droge.

Ich vernichte euch Zentimeter fĂŒr Zentimeter. Bis nichts mehr da ist. Keine TrĂ€nen mehr die ĂŒber deine Wangen laufen. Weil dir die FlĂŒssigkeit dafĂŒr fehlt. Im Leben habt ihr mich mehr gehasst, als ich mich selbst. Im Tod wart ihr mir einen Moment nahe. Heute sehe ich zum erste mal eure TrĂ€nen. Eure TrĂ€nen nicht die meinen. Ich musste erst dem Tode so nahe sein, um eure GefĂŒhle der Liebe zu erwecken. Ich sehe euch weinen und verstehe euch immer noch nicht. Ich verstehe nicht warum ich erst sterben musste, damit ihr mich sehen konntet.

Wir verlieren jeden Tag ein StĂŒck mehr unsere Menschlichkeit. Nicht durch unserem Handeln. Mit der Untersagung derer. Das Denken, das wir uns raus halten mĂŒssen, wenn wir Ungerechtigkeit, Gewalt oder Lieblosigkeit sehen. Das wir zusehen können, wie es anderen schlecht geht und einfach weiter gehen. Was sagt das ĂŒber uns aus? Ist es das, was wir die so tolle Menschlichkeit nennen? Wir haben uns auf einen gefĂ€hrlichen Weg begeben. Du könntest der NĂ€chste sein, der der Hilfe bedarf. Möchtest du der sein? HĂ€ttest du nicht Angst, das sie dich ansehen, leblos, gleichgĂŒltig? Wir verlassen uns auf die Anderen. Das sie helfen aber sie verlassen sich auf dich. Das einzige Verlassen das dies erzeugt, ist das Verlassen sein. Jeder kann der NĂ€chste sein. Jeder.

photos unsplash: header. image 2. Charles 🇵🇭 image 3. Elijah O’Donnell

9 thoughts on “Tears in heaven

  1. lieber robert, das ist ein sehr einfĂŒhlsamer text. danke dafĂŒr. du hast den weg sehr gut beschrieben, den Ă€ußeren und inneren, ohne jetzt tatsĂ€chlich magersucht persönlich zu kennen, aber diese spirale, die ausgelöst werden kann, wenn verachtung u.a. als gruppe ausgelebt wird gegen einen menschen. das kann auch jeden treffen, einfach, weil man zur falschen zeit am falschen ort ist. das ist sehr schmerzhaft. irgendwo las ich, dass ausgrenzung, schmerzareale im körper und gehirn berĂŒhrt, sich das also genauso anfĂŒhlt. ausgrenzung tut weh. das schlimme ist ja, dass es fĂŒr manche nur ein gedankenloses “gemeinschaftsgefĂŒhl” ist, das sie mit den anderen, immer weiter zu machen, sich stark zu fĂŒhlen mit den anderen, im “kampf” gegen den oder die eine, die anders ist. vielleicht auch machtgelĂŒste. irgendwas dummes jedenfalls.
    mir gefĂ€llt dein letzter absatz hier sehr. der aufruf hinzuschauen, etwas zu sagen und etwas bestimmtes auch zu leben. danke dafĂŒr.
    hab einen grandiosen tag, liebe grĂŒĂŸe von hier nach da.

  2. Wir beschĂ€ftigen uns mit dem gleichen Thema…jetzt verstehe ich deine Bemerkung von gestern in meiner Kommentarleiste. Ich möchte noch etwas ergĂ€nzen, auch meine 16jĂ€hrige Tochter hat diese Erfahrung, im negativen Sinne, mit ihrem Körper gemacht. Ich glaube nicht daran, dass es immer daran liegt, dass diese Kinder zu wenig gesehen oder geliebt werden, manchmal ist es der eigene “ĂŒbertriebene” Anspruch, den natĂŒrlich die Medien oder Sendungen wie GNTM noch mehr vermitteln.Ich hatte als junges MĂ€dchen immer ein paar Kilo mehr als meine Freundinnen in der Schule. Habe mich deswegen aber nicht weniger geliebt gefĂŒhlt. Es hat mir auch zu schaffen gemacht, warum ich keine so enge Jeans tragen konnte, irgendwann habe ich es aber verstanden, dass ich genau so wie ich bin, toll bin. Fast jedes MĂ€dchen/Frau macht ihre Erfahrungen mit diesem Thema.Manche MĂ€dchen finden damit nicht ihren Frieden und erkranken daran. Ich spreche hier nur fĂŒr die Frauen, was die MĂ€nner angeht dazu kannst du mehr sagen.

    • Es gibt leider eine Verbindung zwischen sich geliebt /nicht geliebt fĂŒhlen und psychischen Problemen. Alles was den Menschen antreibt hat stets damit zu tun. Manchmal ganz offensichtlich, manchmal versteckt. Geliebt fĂŒhlen hat Stufen, sich nicht geliebt fĂŒhlen auch. Aber da differenzieren wir nicht wirklich. Du fĂŒhlst dich geliebt oder eben nicht. Wenn MĂ€dchen, Frauen nicht mit ihrer Figur zufrieden sind, liegt das an dem was sie sehen? Das was man ihnen erzĂ€hlt? Wie bist du zu der Einsicht gekommen, daß du gut bist wie du bist? Das deine Figur zu dir gehört? Du hast dich selbst angenommen. Du stehst zu dir. Um das tun zu können muss welches Ereignis in dir stattfinden,? Es hat alles was wir tun, mit Liebe oder eben fehlender Liebe zu tun. Wir sind genetisch gesehen darauf angewiesen.

      • Die GrĂŒnde dafĂŒr mögen sehr vielfĂ€ltig sein. Aber ich fĂŒr mich habe eine Antwort im Umgang darauf gefunden: Austausch, den Kontakt nicht verlieren, Interesse, VerstĂ€ndnis, sich kĂŒmmern und das wichtigste, wie Du schon schreibst, Liebe. Ich konnte meiner Tochter nur helfen, weil ich den Kontakt zu ihr nicht verloren habe, stĂ€ndig mit ihr darĂŒber gesprochen habe, wenn sie es zugelassen hat und Überzeugungsarbeit, meiner Seite. Es kostet viel Kraft und Energie einen jungen Menschen von seiner Schönheit zu ĂŒberzeugen, wenn er das selbst nicht kann. Aber der Kampf lohnt und irgendwannn hat sich der Schalter bei ihr umgesetzt. Heute treibt sie viel Sport, ernĂ€hrt sich gesund und findet sich schön.

  3. Das wundert mich nicht. Kinder lernen nicht mehr spielen. Sie lernen Laptop, Smartphone tralala. Nur Druck in der Schule, der schon im Kindergarten beginnt. Fernsehen und Werbung die ihnen sagen wie sie sein mĂŒssen um In zu sein. Facebookfreunde und Instagram Follower. Falsche Klamotten, Mobbing. Falsche Figur, Mobbing. Trends, Games, Follower und WhatsApp. Emoji statt GesprĂ€che. Zimmer statt draußen sein. Lernen, lernen, lernen. Das nennt sich dann Kindheit. Da wird man schon vom Schreiben psychisch krank.

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